Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

23. Februar 2019
von micha
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Persönliche Bären 2019

Mit einwöchiger Verspätung kommen hier doch noch meine persönlichen Bären. Wie immer quer über alle Sektionen hinweg und höchst subjektiv.

Mein goldener Bär geht an Agnès Varda für Varda par Agnès. Das war der beeindruckendste und schönste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe.

Mein Bär für die beste Darstellerin geht an Carolina Raspanti für ihre Rolle in Dafne.

Neu ist der Bär für Kreativität unter schwierigsten Bedingungen. Er geht zu gleichen Teilen an Familie Fazili für Midnight Traveler und die Künstler*innen aus Systéme K.

Und das war’s dann auch schon.

18. Februar 2019
von micha
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Außerdem gesehen…

Und hier noch die Sammlung von Filmen, die auch noch auf dem Programm standen. Reihenfolge mehr oder weniger zufällig.

And Your Bird Can Sing von Sho Miyake. Freundliche Sommer-Dreiecksgeschichte mit einer Protagonistin, die bestimmt, wo’s langgeht. Der Ich-Erzähler lässt sich mittreiben und sagt erst ganz am Schluss, was er sich wünscht. Schön. Beides.

Hölmö nuori sydän – Stupid Young Heart von Selma Vilhunen. Hat den Gläsernen Bären gewonnen. Komisch, da gab’s mindestens zwei Filme, die ich origineller fand. Schon kein schlechter Film, aber Bär?

Oufsaiyed Elkhortoum von Marwa Zein. Sehr wunderbarer Dokumentarfilm über Fußballerinnen in Khartum, die gerne eine Frauenfußballnationalmannschaft gründen und im Ausland spielen würden. Der Fußballverband enthält ihnen die von der FIFA dafür vorgesehenen Gelder vor, aber sie kämpfen weiter. Tolle, sehr humorvolle Frauen, die über Widrigkeiten herzhaft lachen können.

Breve historia del planeta verde von Santiago Loza hat den Teddy Award gewonnen. Transfrau Tania und ihre Freund*innen Pedro und Daniele müssen ein Alien dorthin bringen, wo die kürzlich verstorbene Großmutter es her hatte. Dazu folgen sie einer handgemalten Landkarte. Guter Film, anrührende oder beeindruckende einzelne Szenen, dafür ein bisschen wenig Handlung. Und wir haben uns gefragt, warum das Alien immer im Koffer bleiben musste.

Demons von Daniel Hui – junge Schauspielerin wird vom Regisseur misshandelt, wir dachten an die Singapur-Version von #Metoo, aber eigentlich war klar, dass das hier nicht einfach ein Spielfilm wird. Es gibt Szenen, in denen Beklemmung und Bosheit Gänsehaut verursachen. So ganz ausweglos wird’s dann doch nicht, denn die Verhältnisse sind nicht unveränderlich. Insgesamt war’s aber dann doch mehr Kunst als mein kleiner Kopf verträgt.

Système K von Renaud Barret – Straßenkunst in Kinshasa. Ungeheuerlich, woher Menschen in so prekären Lebensumständen die Kreativität und Kraft nehmen, so großartige Kunst zu machen: Bilder, Skulpturen, Musik, Performances. Teils schön, teils anrührend, teils beängstigend, befremdlich oder sogar eklig, aber immer total beeindruckend.

Photograph von Ritesh Batra (Regisseur von Lunchbox) – Indien, sich endlos anbahnende Beziehung zwischen junger Frau aus gutem Haus und Touristenfotograf, der vom Land stammt. So ganz hat sich mir nicht erschlossen, wovon die Frau sich angezogen fühlte. Dafür war seine taffe Oma klasse.

Charlotte Rampling – The Look von Angelina Maccarone. Untertitel: A Self Portrait Through Others. Charlotte Rampling spricht mit Leuten (Peter Lindbergh, Paul Auster…) über Themen (Exponiertsein, Alter, Schönheit, Dämonen, Tabus…). Dazwischen gibt es Szenen aus ihren Filmen. Es ist faszinierend ihr Gesicht den ganzen Film über so genau anschauen zu können, die Gespräche sind sehr interessant, und Fortbildung für alles (TM) ist der Film auch.

Dafne von Federico Bondi. Die Mutter von Dafne stirbt überraschend. Dafne muss sich um ihren Vater kümmern, den der Verlust ziemlich aus der Bahn wirft. In der Q&A erzählt der Regisseur, dass die Hauptdarstellerin Carolina Raspanti genauso ein sprühendes Energiebündel ist, wie ihre Dafne. Sie spielt phantastisch!

Knives and Skin von Jennifer Reeder – unser Abschlussfilm und nochmal ein grandioses Highlight. Highschool-Schülerin verschwindet, und je länger es dauert, desto absurder entfaltet sich die Kleinstadtwelt. Dazu gibt es einen großartigen Schulchor, eine schöne Liebesgeschichte, gelungene Rache an einem, der es verdient hat, und für alle die Perspektive, dass es einen Weg weg von hier gibt. Hat sehr viel Spaß gemacht.

18. Februar 2019
von micha
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The Red Phallus

The Red Phallus von Tashi Gyeltshen ist für Bhutan vermutlich ein ziemlich radikaler Film. „Archaisch im Rhythmus, gewaltig in seiner Bildwelt, drastisch im Ausgang“, um mal das Programmheft zu zitieren. Im Land des Bruttonationalglücks grenzt es vermutlich an Ketzerei, wenn Tradition und Kultur in einen Zusammenhang mit Gewalt und Unglück gestellt werden. Kein Wunder, dass der Film nicht durch die Zensur gekommen ist, bzw. 12 Minuten einbüßen müsste, um in Bhutan gezeigt werden zu können. Wozu der Regisseur nicht bereit ist. Aber… (Vorsicht Spoiler wegen Aufgewühltseins)  Weiterlesen →

18. Februar 2019
von micha
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Der goldene Bär: Synonymes

Eigentlich sollte Yi Miao Zhong von Zhang Yimou laufen, der dann aber – wie alle ohne jede vorgehaltene Hand munkeln aus Zensurgründen – zurückgezogen wurde. Stattdessen gab es zum Berlinalesonntag um 9:30 Uhr im Zoopalast 1 den Wettbewerbssieger. Nun ja, haben wir den auch gesehen. Synonymes von Nadav Lapid.

Ich war schon genervt, als der Held in der leeren Riesenwohnung, in der er übernachtet, bibbernd im Schlafsack herumhüpft – während alle Fenster geöffnet sind. Er hätte die ja mal schließen können. Außer im Bad, da fehlt ein ganzer Fensterflügel. Er duscht – offensichtlich kalt, denn er macht weiter Friergeräusche – und masturbiert ein bisschen. In irgendeiner Besprechung stand, damit auch wirklich niemand übersieht, dass er beschnitten ist. Echt mal, unter der KALTEN Dusche? Wer macht denn sowas? Es wurde dann auch nicht mehr besser.

Wobei: es gab eine Szene, die zum Tag passte. Ein Bekannter vom Helden, ebenfalls Israeli, zieht extra bevor er in die U-Bahn steigt, eine Kippa auf. Läuft dann durch den Waggon, summt ein bekanntes israelisches Lied und zwar direkt den Mitreisenden ins Gesicht. Nur, um antisemitische Reaktionen zu provozieren – bzw. negative Reaktionen als antisemitisch interpretieren zu können. Klappt aber nicht, niemand reagiert. Das ist genau dasselbe, was J. direkt vor dem Film passiert ist: da hat ein Idiot in der Kaffeeschlange am Bahnhofsstarbucks direkt vor ihr geraucht, und sie hat ihm gesagt, dass sie das stört. Da fragte er zurück, ob sie finde, dass er gleich aus Deutschland weg solle. Das ist so bescheuert, dazu fällt einer echt nicht schnell genug etwas ein.

Das war also das mit dem goldenen Bären. Muss echt ein schwacher Jahrgang gewesen sein.

16. Februar 2019
von micha
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Midnight Traveler

Familie Fazili auf der Bühne im International

Familie Fazili auf der Bühne im International

Midnight Traveler sind Hassan, Zahra, Fatima und Nargis Fazili (auf dem Bild v.l.n.r.). Die Familie stammt aus Afghanistan, die Eltern sind Filmemacher*innen, die dort mit dem Tod bedroht wurden und sich deshalb mit ihren Töchtern auf den Weg nach Europa machen. Die Reise, die mehrere Jahre dauert, wird mit drei Mobiltelefonen dokumentiert. Die Freundin der Familie, Emelie Mahdavian, die in den USA lebt und den Film editiert und produziert hat, bekommt von unterwegs das Material.

Es sind visuell sehr starke Bilder, sehr persönlich, sehr berührend. Die Fazilis sind Profis, das fällt sofort auf und macht die Spannung zwischen Technik („nur“ Handy) und Bildinhalt so faszinierend. Was mich am meisten beeindruckt, ist, dass die Kreativität dieser Familie nicht in der schwierigen Situation, in der die sie sich befindet, abhanden kommt. Ganz im Gegenteil, es ist ein wesentlicher Teil ihrer Identität, kreativ zu sein, und das Ergebnis mit der Welt zu teilen – womit jetzt gewissermaßen Agnès Varda zitiert ist.

Für solche Erlebnisse ist Berlinale.

16. Februar 2019
von micha
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Berlinfilm: Cleo

Kino 1 im Zoopalast ist trotz BVG-Streik brechend voll – hauptsächlich Kids, denn Cleo von Erik Schmitt läuft in Generation K+. Berlin spielt darin die Hauptrolle. Das behauptet zumindest ganz bescheiden Marleen Lohse, die dann wohl die wunderbare zweite Hauptrolle hat. Cleo hat bei der Geburt die Mutter verloren, da wäre eine Zauberuhr, mit der man die Zeit zurückdrehen kann, total praktisch. Eine solche Uhr soll im bis heute niemals gefundenen Schatz der Sass-Brüder versteckt sein, die in den 20er Jahren bekannte Geldschrankknacker waren. Der erste Versuch, den Schatz zu suchen, endet in einer Katastrophe. Weiterlesen →

15. Februar 2019
von micha
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We Are Little Zombies

Makoto Nagahisa und Dolmetscherin

Makoto Nagahisa und die Dolmetscherin nach dem Film (ja, das ist ein Olympiade München 1972 Oberteil)

Vier 13 1/2-jährige (im Schnitt) begegnen sich im Krematorium, ihre Eltern sind gerade ums Leben gekommen. Sie tauschen Todesursachen aus, dass es wie Autoquartett klingt: Busunglück, Suizid (wegen überwältigenden Schulden bei Unterweltgangstern), Gasexplosion, Mord. Sie weinen nicht, aber das geht bei so langweiligen Beerdigungen auch nicht. Die gemeinsame Reise der vier beginnt im luxuriösen Heim von Hikari, dem Erzähler mit der Brille. Er hat Unmengen von Spielekonsolen und Spielen, und die vier stellen sich vor, in einem Spiel zu sein „We Are Little Zombies“. Der Fortgang des Films sind die Levels im Spiel, die vier müssen Gegenstände aus ihren früheren Leben erbeuten und Kämpfe bestehen. Wir erfahren die Vorgeschichte von allen vieren (alles super gefilmt, selber angucken!!!). Weiterlesen →