Berlinaleblog

70. Berlinale, 20.02.-01.03.2020

23. Februar 2020
von micha
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El prófugo – The Intruder

Das Intro zum Film ist super: schon bei seinem ersten Auftritt wird klar, dass der übergriffige, schmierige Leopoldo nicht der richtige Mann für Inés ist. Dazu hätte sie gar nicht die Bestätigung der Stewardess gebraucht, die ihr auf dem Flug in den Urlaub im Traum ungewollte Hilfe anbietet. Er überlebt den Urlaub auch nicht. Ende des Intros.

Es scheint sowieso ihr Thema zu sein, sich mit Leuten zu umgeben, die sie kontrollieren: die Mutter, die sich bei ihr einnistet, die Regie im Synchronstudio, wo sie arbeitet, selbst der Dirigent ihres unglaublich tollen Frauenchors – wobei es bei letzteren beiden durchaus zur Jobbeschreibung gehört. Und was ist mit dem jungen Orgelspieler mit den großen blauen Augen? Inés‘ Körper macht komische Geräusche, die auf den Aufnahmen bei der Arbeit zu hören sind. Auch im Chor bleibt ihr die Stimme weg und sie wird zu den Mezzosopränen geschickt. Gelegentlich sieht sie Leopoldo – im Publikum, auf einer Party. Eine alte Schauspielerin erklärt, sie hätte einen Prófugo, einen Eindringling, der von ihr Besitz ergreifen will, und sie müsse ihn loswerden. Traum und Realität lassen sich immer schwerer unterscheiden – ganz besonders für die Zuschauerin. Aber ist Loswerden überhaupt die Lösung? Oder geht es darum, wen wir hereinlassen wollen? Am Ende geht alles überraschend schnell, und die Schlussszene ist wirklich verblüffend. Und verblüffend plausibel.

Mir gefallen die Räume im Film: das Tonstudio mit seinen genial eingesetzten Glasscheiben: es sind gleichzeitig Ines, der Toningenieur und Reflexionen der Filme, die Inés synchronisiert, zu sehen (grusliges Zeug!). Was ich vorher auch nie im Film gesehen habe, ist das Innere einer Orgel.

El prófugo von Natalia Meta sei ein düsterer Film, hieß es. Das stimmt. Aber der Film ist düster und lustig, und das ist eine sehr gute Kombination.

23. Februar 2020
von micha
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Notre-Dame du Nil

Im Eliteinternat tragen die Mädchen Schuluniformen und nachts alle dieselben weißen Nachthemden. Die Schülerinnen blödeln im Schlafsaal herum, nachts tanzen sie im Regen. Die Nonnen teilen die Mädchen zu Arbeiten ein – die Statue der Madonna am Nil putzen (eine der Nilquellen, hier noch ein ganz kleiner Bach), im Archiv aufräumen und andere Aufgaben. Beim Putzen der schwarzen Statue geht plötzlich an der Hand die Farbe ab, und es wird deutlich, dass es eigentlich nur eine angemalte weiße Madonna ist. Im Archiv finden die Mädchen alte Fotos, anhand derer unauffällig Geschichte einfließt.

Das Gift des vermeintlich ethnischen Konflikts wird von Gloriosa, der Tochter eines Hutu-Ministers, in die Schule getragen. Die weiße Mutter-Oberin und der schwarze Priesters tun nichts, um die Eskalation aufzuhalten. Auch der Nachbar, ein weißer Grundbesitzer, mit seinem obsessiven Faible für eine Tutsi-Königin längst vergangener Jahrhunderte, deren Grab er auf seinem Grundstück glaubt, gehört zum System derer, die Differenzen zementieren. Es ist beim Zusehen schwer auszuhalten, aber die Eskalation wird nicht gestoppt.

Ein Afghane – Atiq Rahimi – dreht in Ruanda Notre-Dame du Nil nach dem gleichnamigen Roman von Scholastique Mukasonga. Darf er das? Das war gleich die erste Frage einer Zuschauerin nach dem Film. Ob sie das einen europäischen Filmemacher auch gefragt hätte?

22. Februar 2020
von ulla
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Das Wachsfigurenkabinett

– mein Eröffnungsfilm für eine auch dieses Jahr wieder viel zu kurze Berlinale – teils aus Jobgründen (18 Hausarbeiten, 73 Klausuren, 4 Masterarbeiten, 15 Kleine Aufgaben, 2 Vorträge und 1 Aufsatz wollen bis Ende März bearbeitet werden) und teils privat (80. Geburtstag).

Die restaurierte Fassung des Klassikers aus den 20er Jahren bot Expressionismus vom Feinsten, schräge Kulissen, bedrohliche Böse, verzweifeltes Augenrollen. Vom Original sind 500m = 25 min. verschollen, und mir scheint, die sind vorwiegend aus dem interessantesten 3. Teil, der sehr strange und psychedelisch gewesen sein muss. Davon sind leider nur noch ein paar Minuten übrig. Der erste, ein bisschrn lustige Teil (wie Harun-al-Raschid seinen Arm verlor…) dauerte mir persönlich dafür etwas zu lange. Der zweite Teil (Conradt Veit als wirklich schrecklicher Iwan der Schreckliche) war dagegen auch für heutige Verhältnisse ziemlich gruselig.

Für alle drei Teile gab es neue Musik, dargeboten von einem Ensemble auf der Bühne der Frederick. Der Ansager sagte „Please welcome the director“ – und es kam eine Frau herein. (wer behauptet, man würde da eine Frau mitdenken?) Es war überraschend überraschend. Und: sie war hochschwanger. Das hat mich irgendwie gerührt.  Vielleicht gibt es Fortschritt doch.

22. Februar 2020
von micha
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Es klappt eigentlich immer an der Abendkasse…

Das sagen jedenfalls manchmal Menschen, wenn das Gespräch das Jahr über auf die Berlinale kommt. Ich kann das nie so richtig nachvollziehen, mir ist es lieber mit einer Tasche voller ausgedruckter Tickets rumzulaufen und zu wissen, welcher Film wann zu sehen sein wird.

Am Dienstag hat es mit dem Online-Vorverkauf nicht geklappt (Browswerfenster braucht um 10:00:00 acht Sekunden, um zu aktualisieren – alle Tickets weg). Also Tageskasse. In der Mittagspause bekomme ich am Zoopalast die Auskunft, es gäbe derzeit kein Kontingent, aber vielleicht käme eine bis eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn noch was rein.

Anderthalb Stunden vor der Vorstellung bin ich wieder da. Die Schlange ist noch nicht sehr lang, sie reicht bis unters Vordach. Kurze Zeit später ist sie schon doppelt so lang. Ein Mann im knallroten Anzug verteilt vom Sponsor spendierte Äpfel, aber mir ist zu kalt für Apfel.

Ein Krishna-Jünger mit Verstärker singt seine Chants zu elektronischen Beats. Mir hat es ja besser gefallen, als die noch so interessante handbetriebene Miniharmoniums spielten. Er ist ein Witzbold, der uns informiert, dass der Eingang zum Zoo da hinten sei. Ich frage mich, ob sich wohl in dieser Schlange ein Missionserfolg ergeben könnte. Vielleicht, wenn jemand die letzten zwei Tickets erwischt. Aber die hätten dann vermutlich nur noch den Film im Kopf und nicht Dankbarkeit für ein höheres Wesen, dessen irdischer Botschafter eben noch so schön gesungen hat.

Die Schlange bewegt sich nicht, offensichtlich tut sich kein Kartenkontingent auf. Die Filmcrew für den Film um 19:00 Uhr kommt an, es gibt was zu sehen. Festlich gekleidete Menschen werden auf dem roten Teppich fotografiert. Sie sind ziemlich bunt, das ist schön.  Vorne am Schalter werden ein paar Karten verkauft. Nicht viele. Titus kommt und stellt sich zu mir, wir warten zu zweit weiter. Irgendwann heißt es, dass für den 19:00 Uhr-Film keine Karten mehr kommen. Einige vor uns gehen weg. Wir schaffen es bis ins Foyer. Die Filmcrew von „unserem“ Film kommt. Einige Männer tragen schöne mongolische Kleidung und Hüte, die Frauen haben Mäntel an, da sieht man es nicht. Kurz danach ist Schluss, es kommen keine Tickets mehr.

Macht auch nichts. Wir fahren in die Fabelei und trinken ein Bier. Dass Abendkasse „eigentlich immer“ klappen soll, war mir immer suspekt.

21. Februar 2020
von micha
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Eröffnungsfilm im Friedrichstadtpalast

Dieses Jahr gab’s mal wieder Tickets für den Eröffnungsfilm: My Salinger Year von Philippe Falardeau im Friedrichstadtpalast. Da wird zuerst die Eröffnungsgala gezeigt, dann kommt die Berlinaleleitung und bringt noch jemanden mit. Es werden warme Worte ans hier anwesende Berlinale-Fußvolk gerichtet, und dann erst beginnt der Film.

Ich mochte die Eröffnungsgala. Die Berlinale ist politisch und steht dazu. Klare Statements gegen Ausgrenzung, Abschottung und Rassismus. Irgendwer sagte danach, die mussten ja über Hanau sprechen. Kann sein, aber ich hatte den Eindruck, dass es alle dort auf der Bühne aus Überzeugung taten.

Ich mochte auch das neue Führungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian und Philippe Falardeau, die extra gekommen waren, um uns viel Spaß und eine gute Projektion (ich liebe diesen Ausdruck sehr!) zu wünschen.

Der Film. Ich habe ihn gern gesehen. Irgendwie fand ich ihn auch ein bisschen unspektakulär und hatte befürchtet, ihn zwei Tage später schon wieder vergessen zu haben. Aber dann habe ich diese Besprechung von Michael Sennhauser gelesen, und die wird dem Film viel eher gerecht, als mein kleinliches Verharmlosen: BERLINALE 2020: MY SALINGER YEAR.

Nach vier Stunden auf der berüchtigten Bestuhlung des Friedrichstadtpalasts tat dann zwar alles weh, aber es hat sich gelohnt.

23. Februar 2019
von micha
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Persönliche Bären 2019

Mit einwöchiger Verspätung kommen hier doch noch meine persönlichen Bären. Wie immer quer über alle Sektionen hinweg und höchst subjektiv.

Mein goldener Bär geht an Agnès Varda für Varda par Agnès. Das war der beeindruckendste und schönste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe.

Mein Bär für die beste Darstellerin geht an Carolina Raspanti für ihre Rolle in Dafne.

Neu ist der Bär für Kreativität unter schwierigsten Bedingungen. Er geht zu gleichen Teilen an Familie Fazili für Midnight Traveler und die Künstler*innen aus Systéme K.

Und das war’s dann auch schon.

18. Februar 2019
von micha
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Außerdem gesehen…

Und hier noch die Sammlung von Filmen, die auch noch auf dem Programm standen. Reihenfolge mehr oder weniger zufällig.

And Your Bird Can Sing von Sho Miyake. Freundliche Sommer-Dreiecksgeschichte mit einer Protagonistin, die bestimmt, wo’s langgeht. Der Ich-Erzähler lässt sich mittreiben und sagt erst ganz am Schluss, was er sich wünscht. Schön. Beides.

Hölmö nuori sydän – Stupid Young Heart von Selma Vilhunen. Hat den Gläsernen Bären gewonnen. Komisch, da gab’s mindestens zwei Filme, die ich origineller fand. Schon kein schlechter Film, aber Bär?

Oufsaiyed Elkhortoum von Marwa Zein. Sehr wunderbarer Dokumentarfilm über Fußballerinnen in Khartum, die gerne eine Frauenfußballnationalmannschaft gründen und im Ausland spielen würden. Der Fußballverband enthält ihnen die von der FIFA dafür vorgesehenen Gelder vor, aber sie kämpfen weiter. Tolle, sehr humorvolle Frauen, die über Widrigkeiten herzhaft lachen können.

Breve historia del planeta verde von Santiago Loza hat den Teddy Award gewonnen. Transfrau Tania und ihre Freund*innen Pedro und Daniele müssen ein Alien dorthin bringen, wo die kürzlich verstorbene Großmutter es her hatte. Dazu folgen sie einer handgemalten Landkarte. Guter Film, anrührende oder beeindruckende einzelne Szenen, dafür ein bisschen wenig Handlung. Und wir haben uns gefragt, warum das Alien immer im Koffer bleiben musste.

Demons von Daniel Hui – junge Schauspielerin wird vom Regisseur misshandelt, wir dachten an die Singapur-Version von #Metoo, aber eigentlich war klar, dass das hier nicht einfach ein Spielfilm wird. Es gibt Szenen, in denen Beklemmung und Bosheit Gänsehaut verursachen. So ganz ausweglos wird’s dann doch nicht, denn die Verhältnisse sind nicht unveränderlich. Insgesamt war’s aber dann doch mehr Kunst als mein kleiner Kopf verträgt.

Système K von Renaud Barret – Straßenkunst in Kinshasa. Ungeheuerlich, woher Menschen in so prekären Lebensumständen die Kreativität und Kraft nehmen, so großartige Kunst zu machen: Bilder, Skulpturen, Musik, Performances. Teils schön, teils anrührend, teils beängstigend, befremdlich oder sogar eklig, aber immer total beeindruckend.

Photograph von Ritesh Batra (Regisseur von Lunchbox) – Indien, sich endlos anbahnende Beziehung zwischen junger Frau aus gutem Haus und Touristenfotograf, der vom Land stammt. So ganz hat sich mir nicht erschlossen, wovon die Frau sich angezogen fühlte. Dafür war seine taffe Oma klasse.

Charlotte Rampling – The Look von Angelina Maccarone. Untertitel: A Self Portrait Through Others. Charlotte Rampling spricht mit Leuten (Peter Lindbergh, Paul Auster…) über Themen (Exponiertsein, Alter, Schönheit, Dämonen, Tabus…). Dazwischen gibt es Szenen aus ihren Filmen. Es ist faszinierend ihr Gesicht den ganzen Film über so genau anschauen zu können, die Gespräche sind sehr interessant, und Fortbildung für alles (TM) ist der Film auch.

Dafne von Federico Bondi. Die Mutter von Dafne stirbt überraschend. Dafne muss sich um ihren Vater kümmern, den der Verlust ziemlich aus der Bahn wirft. In der Q&A erzählt der Regisseur, dass die Hauptdarstellerin Carolina Raspanti genauso ein sprühendes Energiebündel ist, wie ihre Dafne. Sie spielt phantastisch!

Knives and Skin von Jennifer Reeder – unser Abschlussfilm und nochmal ein grandioses Highlight. Highschool-Schülerin verschwindet, und je länger es dauert, desto absurder entfaltet sich die Kleinstadtwelt. Dazu gibt es einen großartigen Schulchor, eine schöne Liebesgeschichte, gelungene Rache an einem, der es verdient hat, und für alle die Perspektive, dass es einen Weg weg von hier gibt. Hat sehr viel Spaß gemacht.

18. Februar 2019
von micha
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The Red Phallus

The Red Phallus von Tashi Gyeltshen ist für Bhutan vermutlich ein ziemlich radikaler Film. „Archaisch im Rhythmus, gewaltig in seiner Bildwelt, drastisch im Ausgang“, um mal das Programmheft zu zitieren. Im Land des Bruttonationalglücks grenzt es vermutlich an Ketzerei, wenn Tradition und Kultur in einen Zusammenhang mit Gewalt und Unglück gestellt werden. Kein Wunder, dass der Film nicht durch die Zensur gekommen ist, bzw. 12 Minuten einbüßen müsste, um in Bhutan gezeigt werden zu können. Wozu der Regisseur nicht bereit ist. Aber… (Vorsicht Spoiler wegen Aufgewühltseins)  Weiterlesen →